"Im Ergebnis bedeuten diese normativen Veränderungen, dass eine Gruppe von Gesellschaftsmitgliedern sukzessive aus dem »Universum der allgemeinen Verbindlichkeit« ausgeschlossen wird, das für die Anderen, die Zugehörigen zur Mehrheitsgesellschaft, nach wie vor in Geltung ist, nun aber exklusiv wird. Dieser Vorgang ist, wie gesagt, die zentrale Voraussetzung für die Entstehung genozidaler Prozesse. Denn die Ausschließung verläuft über die Definition, dass die auszuschließende Gruppe an sich, und das heißt: jedes ihrer Mitglieder, eine Bedrohung für das Wohlergehen und letztlich für die Existenz der Mehrheitsgesellschaft ist – die dann folgerichtig ihr Heil darin erblickt, diese als bedrohlich wahrgenommene Gruppe unschädlich zu machen und, in letzter Konsequenz, zu vernichten. Deshalb geht allen bekannten Vernichtungsprozessen eine Definition der bedrohlichen Gruppe voraus, und dieser Definition schließt sich eine sich beschleunigende soziale, psychologische, materielle und juristische Deklassierung an, die die zunächst nur behauptete Andersartigkeit der ausgeschlossenen Gruppe zunehmend in eine von den Zeitgenossen gestaltete und gefühlte Realität überführt."
Harald Welzel
Harald Welzer ist ein deutscher Sozialpsychologe, Soziologe und Publizist, der sich intensiv mit den Themen Gewalt, Erinnerungskultur und gesellschaftlichen Transformationsprozessen auseinandersetzt.
Dieses Zitat beleuchtet, wie gesellschaftliche Ausgrenzung systematisch in genozidale Gewalt münden kann und zeigt die zentrale Bedeutung von sozialer Dehumanisierung für solche Prozesse.
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Harald Welzer Zitat: Wie gesellschaftliche Ausgrenzung genozidale Gewalt ermöglicht
Harald Welzer erklärt, wie normative gesellschaftliche Veränderungen Ausgrenzung schaffen und genozidale Prozesse ermöglichen.
Harald Welzer, geboren 1958, ist Professor für Transformation der Kultur und Gesellschaft an der Universität Flensburg. Seine Forschungsarbeiten umfassen kollektive Gewalt, Memory Studies sowie gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Er ist Autor zahlreicher einflussreicher Publikationen, darunter das Buch "Täter" (2006), das sich mit den psychologischen und sozialen Bedingungen von Genoziden beschäftigt.


