1935 untersuchte der Sozialpsychologe Muzafer Sherif ein faszinierendes Phänomen:

Ein kleiner Lichtpunkt wurde Menschen in einem dunklen Raum gezeigt. Der Punkt bewegte sich in Wirklichkeit überhaupt nicht — nicht einen einzigen Millimeter.

Was fehlte, war eine Referenz. Zum Beispiel ein zweiter fixer Punkt im Raum.

Denn hätte man zwei Punkte gesehen, hätte praktisch jeder sofort erkannt: Der Lichtpunkt bewegt sich nicht.

Die Illusion der Bewegung entstand erst dadurch, dass im dunklen Raum jede Orientierung fehlte. Das Gehirn begann, eine Bewegung hineinzuinterpretieren.

Noch spannender wurde das Experiment danach durch die Gruppendynamik:

Sherif ließ die Versuchspersonen zunächst alleine einschätzen, wie weit sich der Punkt angeblich bewegen würde.

Dabei entwickelte jeder Mensch seine eigene Wahrnehmung der Illusion. Manche schätzten die Bewegung sehr gering ein, andere deutlich stärker.

Erst danach wurden die Einschätzungen in der Gruppe abgegeben.

Einige schätzten die Bewegung sehr gering ein, andere deutlich stärker.

Und dann passierte etwas Bemerkenswertes: Die völlig unterschiedlichen Wahrnehmungen begannen sich anzunähern.

Die Gruppe formte wie von selbst eine gemeinsame „Wahrheit“ darüber, wie weit sich der Punkt bewegt haben soll — obwohl sich der Punkt in Wirklichkeit überhaupt nicht bewegte.

Besonders interessant daran: Die Menschen suchten offenbar unbewusst nach einem Mittelwert zwischen den unterschiedlichen Wahrnehmungen.

Und je selbstbewusster einzelne Personen ihre Einschätzung vertraten, desto stärker konnten sie die Wahrnehmung der Gruppe beeinflussen.

Offen bleibt dabei eine spannende Frage:

Was wäre passiert, wenn jemand von Anfang an klar gesagt hätte: „Der Punkt bewegt sich überhaupt nicht.“

Hätte die Gruppe diese Person überzeugt? Oder hätte selbst jemand, der die Illusion zunächst durchschaute, irgendwann begonnen zu zweifeln — besonders dann, wenn dominante Stimmen im Raum immer wieder mit absoluter Sicherheit behauptet hätten:

„Und er bewegt sich doch.“

Nicht weil die Realität sich verändert hatte. Sondern weil Menschen sich aneinander orientieren.

Das Experiment gilt heute als Klassiker der Sozialpsychologie — und wirkt im Zeitalter sozialer Medien aktueller denn je.

"Zu Beginn eines wissenschaftlichen Unterfangens sollte es eine der ersten Aufgaben des Suchenden sein, seinen Verstand für die Aufnahme der Wahrheit vorzubereiten, indem er all die kruden und hastig angenommenen Meinungen von den Objekten und Beziehungen, die er überprüfen will und die ihn täuschen oder fehlleiten könnten, entweder verwirft oder zumindest seinen Griff darauf lockert; und sich selbst stark zu machen, durch ein Bemühen und eine Entschlossenheit, für die vorurteilsfreie Anerkennung jeder Schlußfolgerung, die sich als gestützt durch sorgfältige Beobachtungen und logische Argumente präsentiert, auch dann, wenn sie sich als gegenteilig zu Ansichten herausstellen sollte, die er zuvor gehalten haben mag oder die er, ohne Untersuchung, im Vertrauen auf andere übernommen hat."

John Frederick William Herschel