"Die Wahrheit war nie die höchste Priorität der menschlichen Gesellschaft. Sie war die höchste Priorität einiger Individuen, aber niemals der Gesellschaft als Ganzes – denn die Gesellschaft funktioniert nicht auf der Basis von Wahrheit. Wenn man zwei der mächtigsten Institutionen der Menschheit betrachtet – die Wissenschaft (und ihre Gemeinschaft) sowie die Religion (und ihre Kirchen) –, dann hat keine von ihnen die Wahrheit als ihren zentralen Wert. Für einzelne Menschen mag das gelten, aber nicht für die Institutionen als solche. Der Hauptwert der Wissenschaft ist Macht; der Hauptwert der Religion ist Ordnung und Organisation. Religion dient dazu, Ordnung in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, während es der Wissenschaft in erster Linie um Macht über die Welt geht."
Yuval Noah Harari
Israelischer Historiker, Philosoph und Bestsellerautor, bekannt für seine Werke zur Geschichte und Zukunft der Menschheit.
Harari erinnert uns eindringlich daran, dass gesellschaftliche Institutionen wie Wissenschaft und Religion nicht primär der Wahrheit dienen, sondern Macht und Ordnung als Ziele verfolgen.
Original oder Übersetzung; "Truth was never the highest priority of human society. It was the highest priority of some individuals, but never of society as a whole — because society as a whole does not function on the basis of truth. If you take two of the most powerful institutions of humankind — science and the scientific community, and religion and churches — neither of them has truth as their chief value. For individuals, yes. But as institutions, no. The chief value of science is power. The chief value of religion is order — organization. Religion is all about maintaining order in society, and science is mainly about gaining power."
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Yuval Noah Harari über Wahrheit, Macht und Gesellschaft – Enthüllende Einsichten!
Yuval Noah Harari zeigt, warum Wahrheit nie höchste Priorität in Gesellschaften war – Wissenschaft und Religion verfolgen vor allem Macht und Ordnung.
Yuval Noah Harari ist ein israelischer Historiker, Philosoph und Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem. Er wurde international bekannt durch seine Bestseller 'Eine kurze Geschichte der Menschheit' und 'Homo Deus', in denen er die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und mögliche Zukunftsszenarien analysiert. Hararis Arbeit beschäftigt sich mit langfristigen historischen Trends, wobei er Wissenschaft, Philosophie und Geschichte verbindet.
Yuval Noah Harari: Die Wahrheit war nie die höchste Priorität der menschlichen Gesellschaft. Sie war die höchste Priorität einiger Individuen, aber niemals der Gesellschaft als Ganzes – denn die Gesellschaft funktioniert nicht auf der Basis von Wahrheit. Wenn man zwei der mächtigsten Institutionen der Menschheit betrachtet – die Wissenschaft (und ihre Gemeinschaft) sowie die Religion (und ihre Kirchen) –, dann hat keine von ihnen die Wahrheit als ihren zentralen Wert. Für einzelne Menschen mag das gelten, aber nicht für die Institutionen als solche.
Der Hauptwert der Wissenschaft ist Macht; der Hauptwert der Religion ist Ordnung und Organisation. Religion dient dazu, Ordnung in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, während es der Wissenschaft in erster Linie um Macht über die Welt geht.
Gastgeber Dan Ariely: Macht? Was meinen Sie mit Macht?
Yuval Noah Harari: Sie nutzen die Wahrheit bis zu einem gewissen Grad, um Macht oder Ordnung zu erreichen – aber es geht nicht ausschließlich um Wahrheit. Wissenschaft als Institution ist daran interessiert, Kontrolle zu erlangen: über Krankheiten, den menschlichen Körper, die Umwelt, Flüsse, Tiere und Wälder.
Wenn man einen Forschungsantrag stellt, geht es in vielen Fällen vor allem um Geld. Um eine Institution wie eine Universität aufrechtzuerhalten, braucht man Finanzierung. Also stellt man einen Antrag und muss die Behörden davon überzeugen, dass das Projekt uns mächtiger macht – etwa durch neue Waffen, mehr Nahrung oder durch die Kontrolle über bislang unkontrollierbare Epidemien.
Das ist es, was letztlich die Finanzierung sichert. Natürlich muss das Projekt in gewissem Maße „wahr“ sein – wenn es nicht funktioniert, will es niemand. Medizin dient dazu, Krankheiten zu kontrollieren, und Ingenieurwesen dazu, Flussläufe durch Dämme zu bändigen.
Gastgeber Dan Ariely: Die Sprache der Kontrolle kann negativ oder unerwünscht erscheinen – aber geht es nicht eigentlich darum, die menschliche Lebenssituation zu verbessern? Können wir nicht sagen, dass wir verstehen und es besser machen wollen – als positive Darstellung, statt als reines Machtstreben?
Yuval Noah Harari: Es ist kein Widerspruch, sondern eine Frage der Darstellung. Wenn man hunderte Jahre wissenschaftlichen Fortschritts betrachtet, ist oft der grundlegende Gedanke, die menschliche Bedingung zu verbessern – durch Kontrolle. Es ist nicht so, als würde man sagen: „Lasst uns alle Yoga machen, um die Welt besser zu machen.“ Es geht mehr darum, Dämme zu bauen, Wälder abzuholzen, neue Antibiotika zu entwickeln – solche Dinge. Es gibt Ausnahmen, aber insgesamt hat sich die moderne Wissenschaft in den letzten 500 Jahren mehr um Kontrolle bemüht als um alles andere.
Die erste bahnbrechende wissenschaftliche Disziplin, die die wissenschaftliche Revolution ausgelöst hat, war nicht die Astronomie, sondern die Geografie. Seefahrer und Entdecker im Europa des 14., 15. und 16. Jahrhunderts erkundeten die Welt und kartografierten sie. Das war das erste große wissenschaftliche Projekt – die Kartierung der Welt.
Zwar werden oft Namen wie Kopernikus und Galileo genannt, aber Geografie und Entdeckung waren der eigentliche Fokus. Das große Geld floss in die Geografie, weil die Könige von Spanien, Portugal und Frankreich sowie die Banker in Genua und Venedig verstanden: Die Kartierung der Welt war der erste Schritt zur Eroberung.
Das zeigte: Wissenschaft ist eine lohnende Investition. Die Astronomie – egal ob mit Erde oder Sonne im Zentrum – führte nicht direkt zu Profit oder Eroberung. Die Geografie dagegen brachte greifbare Ergebnisse. Könige finanzierten Kolumbus und Magellan – und erhielten Gold aus Mexiko.
Das erste erfolgreiche Projekt der modernen Wissenschaft war also nicht aus reiner Neugier motiviert, sondern diente der Kontrolle und der Eroberung. Und heute – wenn wir das menschliche Gehirn kartografieren – ist es ebenso offensichtlich, dass es nicht nur um Erkenntnis geht, sondern darum, es zu kontrollieren und zu beherrschen.
Wir wollen erobern.
Yuval Noah Harari |in Conversation with Dan Ariely at the 92|Y on “Fake News”





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