"Das Genom galt als unveränderlicher Bauplan des Menschen, der zu Beginn unseres Lebens festgelegt wird. Von dieser Idee muss sich die Wissenschaft verabschieden. In Wirklichkeit sind unsere Erbanlagen in ständigem Wandel begriffen
Vor zwei Jahren saßen an der University of California in Berkeley 25 Genetiker zusammen, um die scheinbar simple Frage zu klären: Was ist ein Gen? Der Versuch, den Grundbegriff ihres Fachgebiets präzise zu definieren, erwies sich jedoch als überaus diffizil. Das Expertentreffen wäre fast im Desaster geendet, erinnert sich Karen Eilbeck, Professorin für Humangenetik in Berkeley und Gastgeberin der Runde: ‚Wir hatten stundenlange Sitzungen. Jeder schrie jeden an.‘
Der Streit in Berkeley hat wenig mit Forschereitelkeiten zu tun. Er war ein erstes Symptom, dass die Biowissenschaften – noch unbemerkt von der Öffentlichkeit – vor einer Zäsur stehen. Was die Rechercheure in den Chromosomensträngen von Menschen oder Tieren zutage fördern, sprengt die bisherigen Denkmuster der Genetik. Ganz ähnlich wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Einstein und seine Mitstreiter ein neues physikalisches Weltbild formten, dämmert womöglich nun das Zeitalter einer relativistischen Genetik herauf.
Vor allem die Medizinforschung steht vor neuen Herausforderungen. In ersten Umrissen wird erkennbar: Körper und Seele, deren Gesundheit, Krankheit, Entwicklung und Alterung unterliegen einem genetischen Wechselspiel, dessen Komplexität alle bisherigen Vorstellungen übersteigt. Die Genetiker müssen sich von ihrem Bild eines stabilen Genoms verabschieden, in dem Veränderungen krankhafte Ausnahmen sind. Das Erbgut eines jeden ist in beständigem Umbau begriffen. Die Folge: Jeder Organismus, jeder Mensch, selbst jede Körperzelle ist ein genetisches Universum für sich."
Ulrich Bahnsen
Ulrich Bahnsen ist Journalist und Autor, bekannt für seine Arbeit bei der Wochenzeitung Die Zeit, wo er häufig über Wissenschaft und Gesellschaft schreibt.
Dieses Zitat bringt zum Ausdruck, wie die Genetik ihr bisheriges Fundament hinter sich lässt und eine neue, dynamische Sicht auf das menschliche Erbgut öffnet. Es erinnert uns daran, dass Wandel und Vielfalt zentrale Elemente des Lebens sind.
Original oder Übersetzung; "The genome was considered to be the unchanging blueprint of human beings, determined at the beginning of our lives. Science must now abandon this idea. In reality, our genetic makeup is constantly changing.
Two years ago, 25 geneticists gathered at the University of California, Berkeley, to answer a seemingly simple question: What is a gene? However, the attempt to precisely define the basic concept of their field proved to be extremely difficult. The meeting of experts almost ended in disaster, recalls Karen Eilbeck, professor of human genetics at Berkeley and host of the roundtable: “We had hours of meetings. Everyone was yelling at each other.”
The dispute in Berkeley had little to do with researcher vanity. It was the first sign that the life sciences—still unnoticed by the public—were on the verge of a turning point. What researchers are uncovering in the chromosome strands of humans and animals is breaking with previous patterns of thinking in genetics. Much like at the beginning of the 20th century, when Einstein and his colleagues formed a new physical worldview, the age of relativistic genetics may now be dawning.
Medical research in particular is facing new challenges. Initial outlines are becoming apparent: the body and soul, their health, illness, development, and aging are subject to a genetic interplay whose complexity exceeds all previous ideas. Geneticists must abandon their image of a stable genome in which changes are pathological exceptions. Everyone's genetic material is constantly undergoing change. The result: every organism, every human being, even every cell in the body is a genetic universe unto itself."
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Ulrich Bahnsen über das revolutionäre Umdenken in der Genetik – Die Zukunft des Genoms
Ulrich Bahnsen erklärt, warum das menschliche Genom kein unveränderlicher Bauplan mehr ist – ein Umdenken, das Medizin und Forschung revolutioniert.
Ulrich Bahnsen ist ein renommierter deutscher Journalist und Autor, der für die Wochenzeitung Die Zeit arbeitet. Seine Schwerpunkte liegen auf Wissenschaft und gesellschaftlichen Themen, wobei er komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten Publikum zugänglich macht.





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